Interview

Warum sind Sie Anwalt geworden, Herr Shevtsov?

 

 

Laut einer Studie des Soldan Instituts ist der Anwaltsberuf immer noch für ca. 1/3 aller Anwälte nur eine Verlegenheitslösung. Hatten Sie überhaupt eine andere Wahl, als Anwalt zu werden?

An sich schon. Ich hatte einen sehr guten zweiten Staatsexamen und konnte relativ frei entscheiden, welchen Beruf ich als Jurist ergreife.

Sie haben sich dennoch für die Anwaltszulassung entscheiden. Warum

Etwas anderes kam für mich nicht ernsthaft in Frage. Ich arbeite gerne mit Menschen. Und ich mag die Rolle des Interessenvertreters.

Ich glaube nicht an die objektive Wahrheit. Das Leben ist viel zu komplex, als dass ein Mensch beurteilen kann, was wahr und was unwahr ist. Es gibt die Wahrheit des Steuerpflichtigen und die Wahrheit der Finanzverwaltung. Je nachdem wessen Sichtweise man annimmt, sieht die Situation ganz anders aus.

Man kann aber die Interessen einer Person erkennen und sie verteidigen. Und gerade das ist meine Aufgabe als Anwalt. Ich habe immer ein klares Ziel vor Augen: die Interessen meines Mandanten. Mit dieser Vorgabe kann ich effizient arbeiten und habe als Anwalt ein erfülltes Berufsleben.

Außerdem genieße ich die Freiheit, welche ich als Anwalt habe. So zum Beispiel muss ich nicht jeden Fall übernehmen. Wenn die Sache mir nicht zusagt, oder ich keine Erfolgsaussichten sehe, nehme ich das Mandat nicht an. Und als Einzelanwalt kann ich mich auf die Rechtsgebiete konzentrieren, in denen ich gerne arbeite.

Und was ist Ihr präferierter Rechtsgebiet?

Das Steuerrecht. Allerdings beschäftige ich mich kaum mit den Steuererklärungen oder Steuergestaltung, sondern vor allem mit den streitigen Steuerrecht. Das heißt, ich werde beauftragt, wenn mein Mandant ein Rechtsstreit mit der Finanzverwaltung führt oder ein Konflikt droht.

Grob umrissen, sind es drei Bereiche: Zum einen das Führen der Einspruchs- und Klageverfahren in den Steuersachen. Zum anderen die Begleitung problematischen Betriebsprüfungen. Und schließlich die Verteidigung in den Steuerstrafsachen.

Ihr Gegner ist also immer die Finanzverwaltung?

Nicht immer. Ich vertrete meine Mandanten auch in zivilrechtlichen Streitigkeiten mit steuerlichem Hintergrund, zum Beispiel bei einem Streit der Ehegatten über die Zusammenveranlagung, oder im Rechtsstreit über die Rückgabe einer Umsatzsteuerkaution bei Ausfuhrlieferungen.

Außerdem klage ich die Honorare für die Steuerberater und andere steuerliche Berater ein und berate sie in Haftungsfragen. Solche Mandate haben sehr viel mit dem Steuerrecht zu tun, erfordern aber auch Erfahrung als Allgemeinanwalt.

Apropos Erfahrung… Ihre Kanzlei ist ja relativ jung. Was haben Sie davor gemacht?

Vor der Gründung meiner eigenen Kanzlei habe ich vier Jahre lang in einer mittelgroßen nordrhein-westfälischen Anwaltskanzlei gearbeitet. Dort habe ich mich zwar überwiegend mit dem Steuerrecht beschäftigt, aber eben nicht nur. Ich bearbeitete auch viele Fälle aus dem Bereich des allgemeinen Zivilrechts. Das war schon interessant, aber ich wollte mich letztlich auf das konzentrieren, was ich am besten kann. Auf das streitige Steuerrecht.

Sie sind ein Einzelanwalt. Ist es nicht schwer allein zu arbeiten?

Nein. Die Einzelkanzlei war für mich eine ganz bewusste Entscheidung. Die meisten Fälle bearbeitet man ja sowieso allein. Und die Entscheidungen, die ich als Anwalt treffe, kann mir keiner abnehmen. Andererseits kann ich meine Arbeit besser organisieren und habe geringere Grundkosten, als eine größere Anwaltssozietät.

Auch für die Mandanten hat eine große Kanzlei nur selten einen Vorteil. Klar, wenn es um die Umstrukturierung eines internationalen Unternehmen geht, braucht der Mandant ein Team von Spezialisten. Aber in einem gewöhnlichen Steuerstreit ist ein Anwalt völlig ausreichend.

Was mögen Sie am meisten bei Ihrer Arbeit?

Ich liebe es mit Fakten und Zahlen zu arbeiten. Und ein Steuerstreit dreht sich meistens entweder um den richtigen Sachverhalt oder um die alternativen Berechnungsmöglichkeiten.

Wenn ich eine Einspruchsbegründung oder eine Klage schreibe, lege ich den größten Wert darauf, die für meine Mandanten günstigen Tatsachen präzise zu schildern oder die Fehler in den Berechnungen der Gegenseite aufzuzeigen. Es ist aber oft recht schwierig und manchmal benötige ich Zeit um den richtigen Weg zu finden. Und dann entdecke ich den entscheidenden Punkt: zum Beispiel eine Zeugenaussage, die die Annahmen des Finanzamtes widerlegt, oder ein Denkfehler in dem Betriebsprüfungsbericht, der die Kalkulation des Betriebsprüfers maßgeblich beeinflusst hat. In diesem Moment weiß ich, dass ich meinem Mandanten helfen kann und das ist ein ungemein befriedigendes Erfolgsergebnis.

Welchen Rat können Sie den Rechtssuchenden geben, wenn es um die Streitigkeiten mit dem Finanzamt geht?

Je früher man eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Finanzamt anfängt, desto besser. In jedem Stadium eines Steuerstreits können Sie Ihre Position verbessern.

Oft versuchen die Steuerpflichtigen das Problem auszusitzen und verschenken dadurch die wertvollen Verhandlungsmöglichkeiten. Nehmen wir als Beispiel eine Betriebsprüfung, wo der Prüfer die Ordnungsmäßigkeit der Kassenführung bemängelt hat. Sie können bis zum Betriebsprüfungsbericht warten und hoffen, dass die Kassenfehler nicht zu einer Nachzahlung führen. Oder Sie schildern bereits jetzt Ihre Argumente und versuchen den Prüfer davon zu überzeugen, dass es sich lediglich um formelle Fehler handelt und Ihre Gewinnberechnung im Ergebnis richtig ist. Bei dieser Vorgehensweise kann man sich oft schnell und unbürokratisch mit Prüfer einigen und Sie ersparen sich die nervenaufreibenden Einspruchs- und Klageverfahren.

Aber selbst wenn der Betriebsprüfer Ihrer Argumentation in diesem Stadium des Konflikts noch nicht folgt, wird er seine Gründe schildern und Sie können Ihre Argumente bei der Stellungnahme zum Betriebsprüfungsbericht oder bei der Begründung des Einspruchs verbessern.

Dabei sind eine durchdachte Argumentation und überzeugende Beweise für Ihr Erfolg unerlässlich. Denn die Finanzverwaltung ist ein ernstzunehmender Gegner. Und Sie werden Ihre Sichtweise nur mit einer guten Begründung durchsetzen.

Rechtsanwalt Bochum, Fachanwalt für Steuerrecht, Evgeny Shevtsov

 

Fortbildungen

  • 10 | 2017 Steuerliche Aspekte mit Bezug zum Immobilienrecht
  • 06 | 2017 Die neuesten Entwicklungen und Tendenzen aus der insolvenzsteuerrechtlichen Gesetzgebung und Rechtsprechung
  • 02 | 2017 Umstrukturierung international tätiger Unternehmen - gesellschaftsrechtliche und steuerliche Aspekte
  • 08 | 2016 Aktuelle Entwicklungen im Steuerstrafrecht
  • 08 | 2016 Familienrechtliche Streitigkeiten um Zusammenveranlagung, Wahl der Lohnsteuerklassen und begrenztes Realsplitting
  • 04 | 2016 Praxis der steuerrechtlichen und sozialversicherungsrechtlichen Betriebsprüfungen
  • 01 | 2016 Aktuelle Schnittstellen zwischen Erb- und Steuerrecht
  • 11 | 2013 Fehlerquellen und Taktik im Zivilprozess
  • 06 | 2013 Steuerstrafrecht
  • 05 | 2013 Brennpunkt Betriebsprüfung

 

Juristischer Werdegang

  • Seit Januar 2017 selbständiger Rechtsanwalt in Bochum
  • Seit März 2016 Fachanwalt für Steuerrecht
  • 2014 -2015 Fachanwaltslehrgang Steuerrecht
  • Seit 2012 Tätigkeit als Rechtsanwalt
  • 2009 -2012 Referendariat
  • 2002 - 2009 Studium der Rechtswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum